Der Begriff Anthroposophie, wie Rudolf Steiner die von ihm begründete Weltanschauung nannte, leitet sich vom griechischen ανθρωπος - ánthropos 'Mensch' und σοφία sophia 'Weisheit') ab.

Die Impulse, die von dieser Weltanschauung ausgehen, haben Einfluss auf unterschiedliche Lebensbereiche genommen. Zu ihnen gehören Pädagogik (Waldorfschulen) ebenso wie Heilpädagogik und Sozialtherapie (Camphill-Lebensgemeinschaften), außerdem Medizin, Landwirtschaft (biologisch-dynamischer Anbau), Sozialgestaltung mit Dreigliederungsinitiativen wie Freien Hochschulen (Witten-Herdecke, Alfter) und eigenen Banken (GLS Bochum) sowie Kunst (Architektur, Plastik, Malerei, Eurythmie) und Religion (Christengemeinschaft).

Rudolf Steiner hatte mit seiner Anthroposophie bereits zu Lebzeiten und auch danach bedeutende Anhänger, darunter die bildenden Künstler Joseph Beuys, Wassily Kandinsky, die Komponisten Viktor Ullmann und Bruno Walter, die Schriftsteller Saul Bellow, Michael Ende und Christian Morgenstern. Steiners Kulturimpuls erlebt gerade aktuell eine Renaissance als Inhalt diverser einschlägiger Ausstellungen.

Anthroposophie wurde von Steiner als Schaffung eines Bewusstseins des Menschentums begriffen, wobei er sich um die Formulierung einer umfassenden Erkenntnistheorie bemühte. Da die dualistische Trennung von "Ich" und "Welt" im Erkenntnisakt überwunden werde, will sein Ansatz Anleitung ebenso zur Selbst- wie zur Welterkenntnis liefern. Natur und Geist erscheinen monistisch vereint, indem sie als Teilbereiche einer einzigen Welt betrachtet werden. Sein Ansatz allein ermögliche volle Freiheit des Menschen: Frei ist der Mensch, insofern er in jedem Augenblick seines Lebens sich selbst zu folgen in der Lage ist (Philosophie der Freiheit).

Steiners verdankte zudem nach eigenen Angaben einer ihm seit seiner Kindheit bewussten und dann methodisch vertieften geistigen Schau umfassende übersinnliche Erkenntnisse. Sein diesbezügliches Credo ist in folgendem Satz zusammenfassbar: "Anthroposophie ist ein Erkenntnisweg, der das Geistige im Menschen zum Geistigen im Weltall führen möchte" (Leitsätze). Nach Tätigkeiten als Hauslehrer, Goethe-Herausgeber und Betreiber verschiedener literarischer Projekte vertrat er seit der Wende zum 20. Jahrhundert die esoterischen Aspekte seiner Ansichten zunächst im Rahmen der anglo-indischen Theosophischen Gesellschaft.
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ANTHROPOSOPHIE I

Leben in der Liebe zum Handeln
und Lebenlassen im Verständnis
des fremden Wollens ist die
Grundmaxime des freien Menschen.

(Steiner, Philosophie der Freiheit)

Unter Anthroposophie verstehe ich
eine wissenschaftliche Erforschung
der geistigen Welt, welche die
Einseitigkeiten einer bloßen Natur-
Erkenntnis ebenso wie diejenigen
der gewöhnlichen Mystik durch-
schaut und die, bevor sie den
Versuch macht, in die übersinnliche
Welt einzudringen, in der erkennen-
den Seele erst die im gewöhnlichen
Bewusstsein und in der gewöhn-
lichen Wissenschaft noch nicht
tätigen Kräfte entwickelt, welche ein
solches Eindringen ermöglichen.

(Steiner, Philosophie u. Anthrop.)