DIE SCHWARZEN BRÜDER - EINE REISE INS TESSIN

Was war das für eine Geschichte, die sich damals Ende des 18. Jahrhunderts in der Schweiz, im Tessin in dem wilden, fast unzugänglichen, Verzascatal zugetragen haben soll? Ist es wirklich geschehen, dass der Mann mit der Narbe in jenen schweren Jahren bitterer Armut ins kleine, verträumte Dorf Sonogno kam und nach Buben fragte, so um die 13 Jahre alt, um sie als Kamin-fegerbuben mit nach Mailand zu nehmen? Niemals würde Roberto seinen Sohn hergeben, nie, nicht einmal für 1000 Franken und wenn er sein letztes Hemd verkaufen müsste.

Aber was dann alles geschah: ein Unglück nach dem nächsten kam über die Familie herein. Erst die Dürre, kein Tropfen Regen über Monate, dann das Feuer im Wald, die einzige Kuh, die sich auf der Flucht vor den Flammen zu Tode stürzte und zu allem Unglück brach sich die Mutter das Bein. Sie brauchte einen Arzt, aber wie hätten sie den denn bezahlen sollen?

So begann die schier unglaubliche Geschichte von Giorgio, dem munteren Jungen aus Sonogno, der sich bei strömendem Regen mit einem ärmlichen Bündel und etwas Ziegenkäse und Polentatasche doch auf den langen Weg nach Mailand machte. Sie erzählt von der Freundschaft und dem Vertrauen zwischen den Buben, die auch die Reise dorthin antreten müssen, vom Sturm auf dem Lago Maggiore, dem Kentern der Barke und dem Tod vieler Buben.

Dann vom harten, unerträglichen Alltag in Mailand, der sie als lebendige Besen in die engen Kamine klettern ließ, um mit bloßen Händen die Asche herauszuholen. Von dem beißenden Ruß in den Augen, Ohren, im Mund, in der Lunge so dass sie fast keine Luft bekamen, dem ständigen Hunger, der Kälte im Winter, von Einsamkeit und Ungerechtigkeit, von den Angriffen der Wölfe, einer Gruppe von Mailänder Jungs, gegen die sie sich auch noch zur Wehr setzen mussten. Und wie sich die Tessiner Kaminfegerbuben in ihrer größten Not zu einer Bande zusammenschlossen. Die Bande der Schwarzen Brüder. Auch Giorgio wurde in den Bund aufgenommen. Die Buben schworen sich gegenseitig die Treue, sich niemals zu verraten und einander beizustehen bis an ihr Lebensende.

Zwölf Schüler der 9. Klasse der Rudolf-Steiner-Schule für Seelenpflege-bedürftige Kinder in Kiel, die Lehrerin, die Klassenmit-arbeiter alle waren wir tief berührt vom Mut dieser kleinen Buben, der Kraft des Ver-trauens und der Freundschaft und so war es bald eine beschlossene Sache diese    Geschichte zu unserem Klassenspiel zu -machen.

Eine intensive Zeit begann. Sich in einen anderen Menschen hineinversetzen – wie geht das wohl? Auf der Bühne im großen Saal stehen und laut sprechen – puh! Hinter der Bühne immer leise sein, nur flüstern!!!

Kostüme und Requisiten waren herbeizuschaffen. Ein großer Kamin wurde aus Holz gebaut und es entstanden die vom wilden Wasser der grün glitzernden Verzasca geschliffenen Steine und einige Forellen. Danach gestalteten wir das Bühnenbild. Wie sieht denn überhaupt so ein kleines Dörfchen im Tessin aus und dann die große Stadt Mailand in Italien? Zeitgleich wurden die Rollentexte und einige Lieder eingeübt und mit den Bildern und Stimmungen aus der Geschichte verging der Herbst und der Winter kam.

Mit ihm auch der Gedankenblitz: Die letzte Klassenfahrt könnten wir nicht dorthin fahren? Aber wie kommt man mit zwölf außergewöhnlichen Schülern von Kiel ins 1300 km entfernte Tessin? Wo soll eine Zwischenübernachtung sein oder sollen wir fliegen?

Und wer soll das alles bloß bezahlen?

Aber die Idee war so stimmig, dass wir uns mit Mut und Feuereifer ans Werk machten. Die Kollegin verbrachte Stunden und Tage im Internet auf der Suche nach einer behindertengerechten, schönen, bezahlbaren Unterkunft und auf dem Bahnhof, um die Fahrt zu organisieren. Wir bemühten uns um Sponsoren, verdienten Geld auf Schulfeiern und Basaren und spornten die Eltern an aktiv zu sein. Statt Geschenke zum 80. Geburtstag der Oma wurden Spenden für die Klassenfahrt der Enkelin gesammelt oder die Nachbarschaft zum Klassenspiel "Die Schwarzen Brüder" eingeladen.

Unsere Geschichte wurde letztlich von den SchülerInnen so eindrucksvoll zur Aufführung gebracht, dass sie die Herzen der Zuschauer berührt hat. Mit viel Applaus und zahlreichen Spenden für die Klassenfahrt erhielten sie Ermutigung für den nächsten Plan!

Denn es hat wirklich geklappt. Wir fuhren tatsächlich ins Tessin, ins Bleniotal nach Aquila. Was war das für eine aufregende Reise mit zwei Bussen und kleinem Gepäck von Kiel nach Hamburg Altona auf den Autozug und in die Minischlafabteile. Hatte der eine die erste große Hürde beim Einsteigen geschafft, kam für den nächsten die des Wohnens auf allerkleinstem Raum, für den anderen das Einschlafproblem durch die Dauergeräusche. Je nachdem, frisch gestärkt oder total übernächtigt kam aber am Morgen die große, freudige Überraschung auf alle zu: ein richtiges Frühstück im Nachtzug. Oh, Tee, Kaffee und Brötchen stärkten sofort die Lebensgeister und in Windeseile erreichten wir Lörrach. Die Busse wurden von den Waggons geholt und weiter ging die Fahrt in Richtung Schweiz. Bald schon veränderte sich die Landschaft und wir aus dem hohen Norden Kommenden waren von Anfang an verzaubert.

Die erste Rast bescherte uns einen grandiosen Blick auf die in den blauen Himmel ragenden schneebedeckten Gipfel. Kommentar eines Schülers: "Alter Schwede!" Da brauchte nichts hinzugefügt zu werden.

Mit dem Google-Routenplaner, Navi und Handy ausgerüstet erreichten wir gegen Mittag unser Pfadiheim. Derweil wurde unser zwölfter Schüler mit seinem "Wohnmobil" und unserem Gepäck im Anhänger durch ganz Deutschland und über die österreichischen und schweizerischen Pässe geschaukelt. Auch da ging "Gott sei Dank" alles gut und gegen Abend erreichte die kleine Truppe unsere Unterkunft.

Bald war alles eingerichtet und es folgte eine ganze Serie von wunderbaren Ferientagen im Tessin. Davon waren drei ganz besonderer Art. Der erste Ausflug ging ins enge, wildromantische Verzascatal bis nach Sonogno. Immer wieder tauchte die Frage auf, ob wir Giorgio da treffen und in welchen von diesen alten Steinhäusern er wohl damals gewohnt hat? Im Museum besuchten wir die kleine Ausstellung über die Kaminfegerbuben und ihr Schicksal. Von dort aus wanderten wir an der Verzasca entlang bis zur berühmten Brücke Ponte dei Salti. Immer wieder tönte von den Schülern ein fröhliches "Grüezi" und "Grüezi miteinand" den Wanderern entgegen. Der nächste große Ausflug führte uns bei strahlendem Sonnenschein nach Locarno am Lago Maggiore und mit dem Schiff weiter zur Brissago Insel, auf der wir einen herrlichen Tag verbrachten. Zuletzt ging es mit der Zahnradbahn bis auf 1700 Meter Höhe auf den Monte Generoso. Dort bot sich unserem Blick ein unbeschreibliches Panorama auf die 3000er und 4000er der Schweizer und der Italienischen Alpen.

Beeindruckt und begeistert von der Schönheit und der Pracht der wilden, urwüchsigen Täler, dem besonderen Licht und der Luft der Höhen sind wir in den Norden zurückgekehrt. Wir haben uns anstecken lassen von der Lebendigkeit und Lebenskraft im Tessin und waren immer wieder berührt von der Freundlichkeit und Heiterkeit der Menschen, die uns dort begegneten.

Sehr dankbar sind wir den Eltern für ihr Vertrauen, den großzügigen Spendern der Stiftungen, Banken und Firmen, dass wir mit unseren SchülerInnen solche Klassenfahrten erleben dürfen und Träume in Erfüllung gehen. Welch ein Glück, wenn es uns gelingt, in den jungen Menschen den Hunger nach Welterfahrung zu entfachen und damit die Bereitschaft über die eigenen Grenzen hinaus zu schreiten und Neuland zu betreten.

Solche Erfahrungen wachsen mit und wecken die Lust auf weitere mutige Abenteuer.

Paula Steigleder